Zur zweiten Kessenicher Erkundung: Ortsgeschichte als Weltgeschichte

Hirschzungenfarn (Asplenium scolopendrium): Blattunterseite mit Sori / Wikimedia / Christian Fischer / CC BY-SA 3.0

Hirschzungenfarn (Asplenium scolopendrium): Blattunterseite mit Sori / Wikimedia / Christian Fischer / CC BY-SA 3.0

Die erste Kessenicher Erkundung hatte am Alten Friedhof geendet, die zweite begann am neuen. Rund 50 Interessierte hatten sich diesmal eingefunden, um die Gegend vor der Haustür zu durchstreifen. Erste Station war die imposanteste Grabstätte dieses Friedhofs. Sie erinnert an den Bonner Steingutfabrikanten Franz Guilleaume (1848-1914), seinerseits ein Spross der bekannten rheinischen Industriellen-Dynastie.

Aber der Akzent lag hier auf einer Pflanze, die zwar auf der Roten Liste steht, aber eben (noch) nicht ausgestorben ist: Die Hirschzunge ist auf diesem Gottesacker vielfach präsent. Und von Farn ging es zu Farn: In den Fugen einer nahen Mauer hält sich der unscheinbare Schriftfarn. Der Überlebenskünstler ist eine seltene Art, die eigentlich in südlicheren Gefilden zu Hause ist.

Ein weiter Ortsbildfächer wurde in der Lotharstraße aufgeschlagen. Das schräge Gegenüber von ehemaligem Bürgermeisterhaus und Bunker vergegenwärtigte ganz verschiedene Aspekte der Kessenicher Geschichte. Der Backsteinbau animierte zu einem Exkurs über seine Bewohner und deren Vorfahren, der Bunker dient heute als Kletterwand der ‚Bönnschen Monkeys‘.

Während der eine oder andere Teilnehmer zum Bunker noch manche 70 Jahre alte Erinnerungen beisteuern konnte, ging die Zeitreise am nächsten Standort, im Weidengarten, gleich mehr als 7.000 Jahre zurück. Mindestens so alt ist eine alte Flutrinne des Rheins, die sich unterhalb des Venusbergs erstreckt. Der Verlauf dieser „Gumme“ entlang der Hausdorffstraße lässt sich heute noch gut nachvollziehen.

Vom alten Rhein zur neuen Architektur: Beim Van-Dorp-Haus an der Ecke Talweg/August-Bier-Straße wurde wieder einmal klar: Moderne ist schwierig. Der Bonner Architekt Ernst van Dorp (1900-2003) hatte in diesem Glas-Sichtbeton-Bau sein Atelier und Büro.

Die erneute Pflanzung von Blutpflaumen in der August-Bier-Straße haben die Bürger durchgesetzt, der Straßenname erinnert an einen zeitweiligen Bonn-Bewohner, den Chirurgen August Bier (1861-1949). Er machte nicht nur in seinem Fach auf sich aufmerksam, sondern auch mit seinem Waldexperiment im märkischen Sand.

Den Abschluss bildete das Haus der Jugend. Hier erstand eine große Bonn-Kessenicher Vergangenheit wieder auf. Auf der Eisfläche vor diesem Haus tummelten sich vor mehr als 100 Jahren die Schlittschuhläufer, der Bonner Eisclub sorgte für das angemessene gesellschaftliche Umfeld. Der hiesige Student und spätere Literatur-Nobelpreisträger Luigi Pirandello (1867-1936) hat dem Treiben hier ein Gedicht seiner ‚Rheinischen Elegien‘ gewidmet. Es gehörte zu den Höhepunkten dieser Zweiten Kessenicher Erkundung, dass eine Mit-Erkunderin sich als Muttersprachlerin zu erkennen gab und die Verse ihres Landsmannes auf Italienisch zu Gehör brachte. Ganz nach dem Motto unseres Experiments: Von Kessenichern für Kessenicher.

DA/GMH

 

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